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Diese Welt ist zum Verzweifeln!

Foto: Zerstörtes Gebäude in Kyiv, Ukraine (Jade Koroliuk, 2023/Unsplash)

Die Fastenzeit ist eine Einladung, sich von allem zu verabschieden, was nicht für die Ewigkeit bleibt

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Die Verzweiflung in den Augen der Angehörigen eines Mordopfers geht mir nicht aus dem Sinn. Die Hilflosigkeit, keine passenden Worte zu finden, wenn die Welt, wie sie einmal war, in Scherben liegt und die Seele nur noch blutet. Die Ohnmacht, der tiefen Leere irgendetwas entgegen zu setzen. Wo sollte es Trost oder Zuversicht geben bei der ganzen Wut, Enttäuschung, Verbitterung und der bleiernen Müdigkeit?

Verzweiflung geht tiefer als gewöhnlicher Ärger oder schlechte Laune. Verzweiflung meint nicht nur, dass auf dies oder das kein Verlass ist. Sondern dass auf gar nichts mehr Verlass ist. Verzweiflung zieht uns den Boden unter den Füßen weg und raubt uns jeden Halt. Es gibt keinen Ausweg mehr, und nichts mehr hat einen Sinn. Auch Gott nicht?

Das Leben lässt manch einen so verzweifeln. Da helfen dann keine frommen Ratschläge, dass ein Christ immer Hoffnung haben müsste, Geduld und innere Freude. Nein, nirgendwo verspricht uns die Bibel, dass sich die Erlösten und von Gott Geliebten auch jederzeit erlöst und geliebt fühlen werden. Sie erzählt uns stattdessen von Menschen in extremen Situationen, die an der Welt, wie sie ist, verzweifeln und auf Erlösung warten. Hiob sieht sich von Gott geschlagen und verworfen. Jeremia verflucht den Tag seiner Geburt. Und Jesus beendet sein Leben mit einem letzten Schrei der Verzweiflung: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen?“

Wer so verzweifelt ist, braucht jedenfalls kein schlechtes Gewissen zu haben, ein schlechter Christ zu sein. Im Gegenteil: Wer an der Welt nicht verzweifeln würde, wie wir sie tagtäglich in den Nachrichten sehen, an dessen Urteilskraft dürfen wir sicher Zweifel haben. Diese Welt ist zum Verzweifeln. Das Böse hat sie schwer im Griff. Der christliche Glaube gibt sich keinerlei Illusionen hin, sondern sieht das schonungslos und nüchtern. Unsere Welt wartet sehnsüchtig auf Erlösung, und dasselbe gilt für jeden Einzelnen von uns. Meistens überdecken wir diese Realität bloß durch das kleine Glück, von dem wir meinen, dass es einem nicht in den Schoß fällt, sondern das wir uns hart erarbeiten müssen.

Von der Welt und von sich selbst enttäuscht zu sein, ist eine Sache. Von Gott enttäuscht zu sein, aber eine ganz andere. Dies ist für mich das geistliche Programm der nächsten Wochen. Und der Unterschied ist ein wichtiger Hinweis für alle Verzweifelten. Hiob und Jeremia helfen dabei, besonders aber auch Jesus in seiner Verzweiflung. Gott ist derjenige, zu dem ich rufen und schreien kann. Gott ist derjenige, von dem ich hoffe, dass er mich hört. Gott ist derjenige, dem ich meine Verzweiflung vor die Füße schleudern kann. Auf jeden Fall kann ich sie so loswerden!

Der Schmerz der Verzweiflung erinnert mich daran, dass ich mein Herz wohl mehr an die Güter, Ehren und Freuden dieser Zeit gehangen habe, als es gut war. „Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück“ (Gen 3,19b), ist der Beginn der Fastenzeit überschrieben - eine Einladung, sich von allem zu verabschieden, was nicht für die Ewigkeit bleibt, und mit leichterem Gepäck unserem Ziel entgegen zu eilen. Niemand ist Gott näher als der, der auf solche Weise verzweifelt ist, dass er sich Ihm mit voller Hingabe in die Arme wirft.

P. Martin Stark SJ­­­   ­

Dieser Artikel ist mit freundlicher Genehmigung entnommen der Ausgabe Jg. 119 | Nr. 4 | 15.02.2026 von [Inne]halten, dem Magazin für Gesellschaft, gutes Leben und Spiritualität (Kirchenzeitung Erzbistum München und Freising).