News - Gedanken zum Sonntag

Gedanken zu den Schrifttexten des Sonntags

Die Gefahr kommt von innen

von Thomas Hürten, Pastoralreferent und Fachreferent in der Glaubensorientierung in St. Michael

Zum Sonntagsevangelium „Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen" (Mk 7,1–8.14–15.21–23)

Zunächst: Wen und was kritisiert Jesus hier? Die Juden und ihre Art der Schriftauslegung und Gesetzestreue? Er war doch selbst einer und verstand es sehr gut, die Schrift auszulegen. Er kritisiert nicht Jüdisches, sondern die institutionelle Versuchung. Welche genau? Dem Irrtum zu erliegen, die Gefahr käme nur von außen! Sie kommt von innen. Das ist der Punkt.

Die enorme Vertrauenskrise der Kirche hat genau damit zu tun, dass sich böse Gedanken, Unzucht, Mord und Diebstahl, Habgier, Ausschweifung, Hinterlist, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft im Inneren der Kirche befinden. Wir sind keine reine Institution. Wir sind über keinen Zweifel erhaben. Schrecklich, aber wahr:  Der Teufel trägt mitunter Soutane.

Es ist Jesus selbst, der uns warnt. Und gerade da, wo sich die Hoffnungen auf neue geistliche Bewegungen richteten, ich spreche da zum Beispiel den Gründer der Legionäre Christi an, fand sich Ausschweifung, Habgier, Bosheit, Unzucht, Hinterlist und Hochmut in einer solchen Dreistigkeit, dass Kardinal Joseph Ratzinger einschreiten musste. Immerhin! Aber: Er hatte jahrelang zugeschaut.  Man wollte den kritischen Aussagen ehemaliger Mitglieder kein Gewicht geben, obwohl sie von Verbrechen sprachen, und schritt erst ein, als es gar nicht mehr zu übersehen war.  Es gab einen „guten“ Grund dafür: Die Angst vor der Erschütterung des Glaubens derer, die an diese Gründerfigur geglaubt hatten.

Aber ist das wirklich gut im Sinne der gebotenen Klarheit? Ist es rein im Sinne des Evangeliums? Dahinter steht der Gedanke, dass eine ein wenig sündige, aber wieder mächtige Kirche immer noch besser ist als eine sündige Welt. Nur: Wohin soll sich nun wenden, wer die Erfahrung hat, dass die Welt „da draußen“ tatsächlich sündig ist, dass es da Bosheit gibt, Mord, Habsucht und so weiter? An eine Kirche, die dieses Unrecht „innen“ hat? Was bietet sie denn an? Hier „beruhigt sich das ungewaschene Herz mit den gewaschenen Händen“, so die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz.

Ein Wort vom einst viel gelesenen Heinrich Spaemann sagt: „Wenn wir die Wölfe wie die Wölfe besiegen, dann haben sie uns besiegt.“ Wir können nicht Unrecht in der Kirche hinnehmen, um den Glauben zu retten. Das war und ist die Versuchung vieler Bischöfe in Sachen körperlicher und geistlicher Missbrauch. Sie verlieren dabei alle Glaubwürdigkeit und werden Teil des Unrechts, das an vielen Wehrlosen geschehen ist. Um im Bild zu bleiben: Sie und wir sollen uns als Hirten den Wölfen stellen, dabei denen verpflichtet, die sich nicht wehren können. Das wäre der reine und makellose Gottesdienst (Jak 1,27a). Und wem das, wem eine solche Kirche zu schwach ist, der gehört nicht zu Ihm, sondern zu den Wölfen.

Der Artikel ist erschienen in der aktuellen Ausgabe der Münchner Kirchenzeitung (29. August 2021 / Nr. 35).

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Thomas Hürten
Pastoralreferent, Fachreferent
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THuerten(at)eomuc.de

Foto: Aicher