Worauf warten wir noch?
„Kinder, soll ich euch schon sagen, was das Christkind bringen wird?“, fragte uns der Papa weit vor dem Fest. Ja, rief meine kleine, neugierige Schwester. „Nein, noch nicht!“, bat ich ihn inständig, denn ich wollte mir auf keinen Fall die Überraschung nehmen lassen.
Wie leicht war es doch als Kind, zu warten. Wie hell konnte Dunkelheit sein, wenn man etwas Gutes erwartete. Das Herz wusste: Es kommt etwas – und das genügte.
Heute ist das anders. Wir sind schnell, ungeduldig, effizient. Zeit darf nicht leer sein, nicht offen, nicht unbelegt. „Worauf warten wir noch?“ – das klingt oft nach: Los, fangt endlich an! Als müssten wir das Heil selbst in Gang setzen.
Doch dieselbe Frage kann auch anders klingen: leiser, zarter, hoffender. Worauf warten wir – noch? Was bleibt, wenn alles scheinbar schon erfüllt ist? Welche Sehnsucht ist noch offen? Welche Hoffnung trägt uns weiter? Welche Wunde möchte an die Luft, ans Licht?
Gott sei Dank ist jetzt Advent – Zeit des Noch-nicht, Zeit des Wachsens, Zeit, das Dunkel nicht zu fürchten. Wer in St. Michael die Adventskerzen brennen sieht, eine nach der anderen, spürt etwas von dieser Spannung zwischen Dunkel und Licht: Der hohe, weite Raum, die aufstrebenden Bögen, das diskrete Schweigen der Beichtstühle, der geheimnisvoll schimmernde Hochaltar, das schmale Licht, das durch die Fenster fällt – alles scheint zu sagen: Warte. Noch ist nicht alles offenbar. Aber Gott ist schon unterwegs.
Papst Leo betete an Allerheiligen: „Führe mich, freundliches Licht, mitten durch Dunkel und Nacht.“ John Henry Newman hat diese Worte geschrieben – und sie könnten auch unsere sein.
Advent heißt: nicht alles wissen, nicht alles machen, innehalten – im Zweifel, in der Wut, in der Müdigkeit. Wenn du erschöpft bist, halte ein. Wenn du innehältst, betest du – auch ohne Worte.
Worauf warten wir also noch? Auf den, der nicht zu spät kommt.Darauf, dass Gott Mensch wird – in uns, mit uns und vielleicht sogar durch uns. Jedes Jahr anders. Aber immer neu.
P. Benedikt Lautenbacher SJ