Himmlischer Helfer
Sein Name ist eine Frage. Das hebräische Wort „Michael“ bedeutet: Wer ist wie Gott? Auf unserem Hochaltarbild nimmt der geflügelte Erzengel seinen Widersacher streng und konzentriert in den Blick und schreitet mit dem Kreuzstab in der Hand elegant über ihn hinweg. Mit großer Ruhe und Überlegenheit ist der Sieg des Guten über das Böse dargestellt.
Gerade in Krisenzeiten und wenn für mich nicht klar ist, was zu tun ist, hilft mir der Blick auf diesen himmlischen Helfer bei meiner „Unterscheidung der Geister“ und für mehr Entschiedenheit für Gott und sein Reich: Je unübersichtlicher oder verwirrender die Gefühle, Gedanken oder Sehnsüchte sind, die mich anziehen und verlocken oder bei denen ich merke, dass sie Widerstand oder Angst in mir auslösen, desto wichtiger ist es, gut zu unterscheiden, ob diese „Regungen“ gut oder böse sind, ob sie zum Heil oder Unheil führen, ob sie den Weg zu Gott weisen oder zum Teufel.
Vielleicht ist die wichtigste Frage vorab, ob ich selbst genügend frei und offen bin und ob ich überhaupt einen Handlungsspielraum habe. Nicht nur äußere Sachzwänge können mich hindern, sondern auch meine eigenen inneren Festlegungen. Es braucht Fantasie und Mut, um mehrere Alternativen auszumachen. Oftmals muss ich ja nicht zwischen Schwarz oder Weiß wählen, sondern die verschiedenen Grautöne gehen im Leben meistens fließend ineinander über. Zur soliden Entscheidung gehören eine nüchterne Analyse und ein unvoreingenommenes Abwägen der Pro- und Contra-Argumente. Es gilt hellhörig wahrzunehmen, was die verschiedenen Optionen in mir auslösen. Manche innere Regung hilft, sie anzunehmen und zu pflegen; andere, sie abzuweisen, zu überwinden oder in Geduld auszuhalten. Der Rat und die Sichtweise von anderen helfen mir dabei. Und es ist wichtig, darauf zu achten, was im Rahmen meiner Kräfte liegt, was vernünftig und was auf Dauer und im Ganzen gut und richtig ist.
Bei der Unterscheidung versuche ich, Gott zum Kompass zu nehmen. So fällt es mir leichter, zu unterscheiden, ob die Entscheidungen, die ich gerade überdenke, mein Leben und das der Menschen, mit denen ich zu tun habe, besser machen - oder nicht. Indem ich mich an ihm ausrichte, gewinne ich eine kritische Distanz zu mir, und ich spüre ein Mehr an Freude und Freiheit, Gelassenheit und Lebensdynamik. Solch echter „Trost“ unterscheidet sich am Ende von seinem Gegenteil, dem „Untrost“, nämlich innerer Unruhe, Hoffnungslosigkeit, Trockenheit oder Lähmung. Eine solche „Unterscheidung der Geister“ kann mir natürlich nur die Richtung aufzeigen, die hier und jetzt und für mich persönlich mit großer Wahrscheinlichkeit die richtige ist. Immer wird sich dies erst im Nachhinein erweisen. Und eine Garantie dafür gibt es nicht. Sondern es bleibt wichtig, sich zu prüfen und gegebenenfalls korrigieren zu lassen.
Die Bibel beschreibt den Erzengel Michael als Kämpfer Gottes und als Beistand gegen das Böse. Dieser Kampf zwischen Gut und Böse freilich findet tagtäglich in meinem eigenen Leben statt. Licht und Dunkel wohnen in uns allen. Der Hl. Michael hilft mir, das göttliche Licht zu erkennen, mich vom wahren Licht locken zu lassen und die glitzernden Finessen des Bösen zu durchschauen.
P. Martin Stark SJ