Wie lernen wir Frieden?
Was Krieg bedeutet, erleben wir in Europa seit drei Jahren. Aber wie lernen wir Frieden? Das ist die Frage, die uns wirklich umtreibt. Wo wir uns Jesu Geist öffnen, da kann der österliche Friede wirksam werden.
Von Leo Tolstoi wird erzählt, dass er einmal an einem abgelegenen Ort in Ruhe schreiben wollte. Doch lautes Kindergeschrei hielt ihn davon ab. Auf die Suche nach der Störung fand er eine Gruppe lautstark spielender Kinder. Ärgerlich fragte er, was sie denn da spielen würden. „Krieg“, antworteten die Kinder lautstark. Auf Tolstois Vorschlag, zur Abwechslung mal Frieden zu spielen, sagen die Kinder, dass sie das nie gelernt hätten.
Was Krieg bedeutet, erleben wir in Europa seit drei Jahren. Das Beunruhigende ist vor allem die Erkenntnis, wie wir das überhaupt zulassen konnten, dass ein imperialer Machthaber solche Gräben aufschütten, den Krieg vom Zaun brechen und Menschen ins Unheil stürzen konnte. Wie Frieden „geht“ und wie man ihn wieder gewinnen kann, da sind nicht nur die Großen und Mächtigen der Welt überfordert. Wie lernen wir Frieden? Das ist die Frage, die uns wirklich umtreibt.
„Meinen Frieden hinterlasse ich euch“, verspricht der Auferstandene. Doch eigentlich müssten wir entgegen: Ja, bitte, tu es doch endlich! Schenk uns deinen Frieden, Herr. Wir warten so sehr darauf. Wir sehnen uns nach Frieden, und sei es bloß ein Waffenstillstand!
Aber der Friede Jesu ist offensichtlich kein Friede, den wir Menschen erhalten oder schaffen könnten, den wir notfalls durch Einsatz von Waffen sichern und den wir benötigen, wenn wir menschlich zusammenleben wollen. Der Friede Jesu ist anders, er ist viel mehr. Das hebräische Wort „Schalom“ meint mehr als einen Waffenstillstand oder Frieden zwischen den Menschen und Völkern, sondern Ganzsein, Heilsein, Einssein mit sich und der ganzen Schöpfung. Solchen Frieden können wir nicht machen. Wir können darum bitten und uns um ihn bemühen. Letztendlich ist er ein Geschenk Gottes.
Bei Jesu Abschied müssen sich die Jüngerinnen und Jünger unsicher und vielleicht sogar verzweifelt gefühlt haben. Ich stelle mir ihre Gefühlslage ähnlich vor wie bei uns heute: ratlos, voller Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird, oder sogar ängstlich in Anbetracht der großen Herausforderungen und bedrohlichen Entwicklungen.
Jesus kündigt jedoch eine neue Weise seiner Anwesenheit an. Sein Heiliger Geist wirkt in uns als ein „Beistand“, weil er uns an alles erinnert, was Jesus gesagt hat, und seine Worte wirksam werden lässt in uns.
Der Friede Jesu wird uns nicht einfach übergestülpt wie ein Zuckerguss über die ansonsten grausame Wirklichkeit. Sein Friede wächst und entsteht nur in wechselseitiger Liebe zwischen Jesus und seinen Freundinnen und Freunden – also uns. In Jesus hat Gott den Tod besiegt und in seiner Auferstehung neues Leben geschenkt.
„Wie lernen wir Frieden?“ Nur, indem wir uns Jesu Geist öffnen, der uns hilft, einen klaren Kopf zu behalten, und uns wieder neu ausrichtet. Wo sein „Beistand“ hilft, aufeinander zuzugehen, können verhärtete Fronten plötzlich weich und fließend werden, da kann der österliche Friede wirksam werden. Es ist keine hohle Formel, wenn wir im Hochgebet der Versöhnung sprechen: „Dein Geist bewegt die Herzen, wenn Feinde wieder miteinander sprechen, Gegner sich die Hände reichen und Völker einen Weg zueinander suchen. Dein Werk ist es, wenn der Wille zum Frieden den Streit beendet, Verzeihung den Hass überwindet und Rache der Vergebung weicht.“
P. Martin Stark SJ
Artikel mit freundlicher Genehmigung übernommen aus [inne]halten, dem Magazin für Gesellschaft, gutes Leben und Spiritualität vom 8. Juni 2025 / Nr.